Eine Zeitreise…

Das Münchner Westend zählt schon seit geraumer Zeit zu einem der kreativsten Stadtteile. Im Rahmen der Kunstwerkschau OPEN WESTEND konnten Interessierte nun drei Tage einen Blick in die Ateliers der Kunstschaffenden werfen. Zu sehen gab es allerlei – von der Malerei über Fotografie bis hin zu textiler Handwerkskunst.

Einen faszinierenden Einblick in die Webkunst durften wir in der Damastweberei von Sylvia Wiechmann erleben. Die kleine Weberei verfügt über drei antike Webstühle, die bereits seit mehr als einem Jahrhundert im Betrieb sind. Das Highlight ist dabei der ca. 110 Jahre alte Jaquard-Webstuhl.

Mit einem Jaquard-Webstuhl können im Gegensatz zu z. B. Damastwebstühlen großflächigere Muster gewebt werden. Gesteuert wird der Webstuhl über Lochkarten, dabei werden pro Schuss die Kettfäden einzeln hochgezogen und es entsteht das gewünschte Muster.

Pro Schuss wird eine Lochkarte mit einer sog. Schlagmaschine geschlagen. Anschließend müssen diese Karten noch zusammengenäht werden.

Das Einrichten des Webstuhls nimmt bereits einige Tage in Anspruch. Kein Wunder, wenn man mal sieht, wie viele Fäden benötigt werden. Ich finde ja das Einfädeln der Overlock-Maschine schon anstrengend… Umso schöner ist es, den Damen der Weberei zuzuhören mit welcher Begeisterung und Leidenschaft sie ihr Handwerk ausüben.

Wenn man sieht, wie aufwendig die Herstellung eines gewebtes Tuches ist, bekommt man plötzlich ein ganz anderes Wertempfinden für dieses edle Material. Die Herstellung eines Schals nimmt z. B. einen ganzen Arbeitstag in Anspruch. Das Weben auf modernen Webstühlen ist sicherlich nicht mehr ganz so zeitintensiv, aber dennoch stimmt es mich nachdenklich, wie ich mit diesem Wissen noch auf Stoffmärkten Stoffe für 3€ kaufen kann?

Neben der Weberei haben wir auch die Posamenten Manufaktur besucht. Unter Posamenten versteht man Zierbänder, Borten, Quasten und Schmuckelemente aller Art, die auf Textilien angebracht werden. Der Beruf des Posamentierers wird heute kaum noch ausgeübt. Deutschlandweit gibt es nur noch drei Werkstätten dieser Art, die in Handarbeit edle Verzierungen individuell gestalten. Posamenten wie z. B. edle Gardinen-Quasten werden heute vorwiegend für Hotels und Schlösser hergestellt. Auch Rekonstruktionen antiker Stücke werden hier gefertigt.

Mein Herz habe ich in dieser Werkstatt im riesigen Garnlager verloren. Ein Traum in bunten Farben.

Das war eine richtig schöne Zeitreise, bei der wir fast vergessene Kunsthandwerke erleben durften. Es ist wunderbar zu sehen, dass Künstler ihr Handwerk mit solcher Leidenschaft betreiben und dafür sorgen, dass diese Kunst nicht ausstirbt.

Ein großes Dankeschön geht heute an meinen Haus- und Hoffotografen für die tollen Impressionen, die er eingefangen hat.

 

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